Die New York Knicks standen in Game 1 der NBA Finals gegen die San Antonio Spurs nach 40 Minuten mit 22 Punkten Rückstand da. Das war der Moment, in dem sich offenbarte, warum Mike Brown als neuer Trainer einen anderen Weg eingeschlagen hat als sein Vorgänger Tom Thibodeau. Jalen Brunson kam aus der Bank heraus und erzielte 15 seiner insgesamt 38 Punkte in den letzten 7:39 Minuten. Mit dieser Offensive und einer zielgerichteten Defense schafften die Knicks eines der größten Comebacks der Playoff-Geschichte. Mit unter einer Minute verbleibend hatten sie den Rückstand auf drei Punkte reduziert.
Doch das entscheidende Zeichen kam von einer Stelle, an der es früher unmöglich gewesen wäre. Landry Shamet, ein 29 Jahre alter Journeyman-Guard, der als später Trainingscamp-Signing mit einem Non-Guaranteed-Vertrag kam, versenkte den 3-Pointer zum 99:99-Ausgleich mit 45 Sekunden verbleibend in der Regulation. Ein Jahr zuvor hätte Shamet in solch einem kritischen Moment von der Bank aus zugeschaut. Unter Thibodeau waren die Knicks-Starter dermaßen überfordert worden, dass die Franchise in den Playoffs 2024 und 2025 steckengeblieben war. Beide Male endete es in den Conference Semifinals beziehungsweise dem East Finals. Die fünf meistgenutzten vier-Mann-Lineups der Saison 2024-25 hatten zusammengezählt über 1.300 Minuten Spielzeit, was einem Drittel einer regulären NBA-Saison entspricht.
Unter Mike Brown hat sich das fundamental geändert. Die Knicks nutzen ihre Bank in diesem Playoff-Run wie nie zuvor. Miles McBride spielt Karriere-Maxima an Minuten, Punkten und 3-Point-Percentage. Mitchell Robinson bleibt verletzungsfrei, nachdem er die ganze Saison über vorsichtig eingeplant wurde, und wird nun in Crunch-Time gegen Victor Wembanyama eingesetzt. Jose Alvarado, ein Trade-Deadline-Akquisition, liefert seine übliche defensive Aggressivität und Energie. Nur eine vier-Mann-Einheit hat in dieser Saison die 900-Minuten-Marke überschritten, ein dramatischer Unterschied zum Verschleiß der Starter in der Vorgänger-Ära. Brown hatte gesagt, dass es um Opfer geht, und die Knicks brauchten die ganze Saison, um dieses Konzept richtig umzusetzen. Mit 13 aufeinanderfolgenden Playoff-Siegen, davon ein dominanter Sweep über die Philadelphia 76ers in den Conference Semifinals, sind die Knicks zwei Siege vom ersten Championship seit 53 Jahren entfernt. Die Finals gegen die Spurs führen zurück nach Madison Square Garden für Game 3.
Deutsche Fans, die die Knicks verfolgen, sehen hier ein Team, das endlich die Balance zwischen Star-Power und Tiefe gefunden hat. Brunson, Towns, Bridges und Anunoby müssen nicht mehr wie überforderte Workhorse-Starter funktionieren, sondern können sich auf die entscheidenden Momente konzentrieren. Das macht die Knicks im Finals unberechenbarer. Gleichzeitig zeigt Browns Ansatz ein neues Verständnis von Defense und Rotation, das auch in der ELF interessant sein könnte. Die Frage ist jetzt nicht mehr, ob die Starter genug spielen, sondern ob die Bank den Titel-Push tatsächlich mitträgt.