Sechs Tage vor dem AFC Championship Game gegen die New England Patriots sitzt Sean Payton in der Broncos-Videokonferenz und kocht. Der Grund ist klein, aber symptomatisch für seine Anspannung: Ein Practice-Squad-Lineman namens Jordan Jackson hat gegen die Bills kein einziges Snap auf der Defensive gespielt. Nicht einen. Die Defensive Coaches hatten gekämpft, um Jackson aktivieren zu dürfen, weil sie glaubten, er könnte gegen den Run helfen. Aber bei 48 aktivierbaren Spielern pro Spieltag musste eine andere Person auf der Bank bleiben. Der unsichtbare Konflikt stört Payton mehr als es sollte, sechs Tage vor einem Spiel, das möglicherweise seine Karriere neu schreiben könnte.
Joe Vitt, ein Defensive Assistant und einer von Paytons ältesten Freunden, betritt sein Büro. Vitt will danken, für die Möglichkeit hier zu sein, für die Intensität der Playoffs, für jeden Moment der zählen könnte. Payton ist nicht in der Stimmung für Sentimentalität. Er fährt Vitt an wegen Jackson. Vitt versucht es noch mal, dankt wieder. Das war ein Fehler. "You're welcome!", brüllt Payton. Vitt verlässt das Zimmer.
In der Teamkonferenz sitzt Payton am Kopfende des Tisches. Zu seiner Linken koordinieren sich Defensive Coordinator Vance Joseph, General Manager George Paton und die Position Coaches. An den Seiten drängen sich Scouts, Trainer und Operationspersonal auf Klappstühlen. Die Zimmertemperatur: 68 Grad Fahrenheit, die ideale Temperatur um die Aufmerksamkeit zu halten. An der einen Wand Portraits von Hall of Famers wie John Elway und Terrell Davis, die Super Bowls gewonnen haben.
"Zero snaps", sagt Payton und startet in seine Tirade. "F---ing criminal. Dieser Kid sitzt auf der Seitenlinie." Dann: "Did we stop the run? We didn't do that. We got our a-- kicked in the first half." Die Broncos haben zwar fünf Turnovers erzwungen gegen Buffalo, aber außer dieser einen Statistik waren sie defensiv das schlechteste Team der ganzen Liga in diesem Spiel, macht Payton klar. Vance Joseph versucht zu erklären. Payton winkt ab.
Die Kritik weitet sich aus. Communication Issues. "Day One s---", sagt er. Auf den Headphones herrsche Chaos. Irgendwann mussten die Broncos selbst einen Timeout nehmen, weil die Defense zwölf Spieler auf dem Platz hatte. "Why is that a problem?", fragt er rhetorisch. Joseph antwortet: "Should not." Payton wird lauter: "It's been all year!" "It won't be", entgegnet Joseph. Einige Coaches nicken, andere schreiben Notizen mit, einige starren nur stumpf geradeaus. Das leise Summen der Luftreiniger füllt die Stille.
Sean Payton ist in seinem dritten Jahr bei den Denver Broncos und versucht, eine Legende zu werden. Nach Jahren in New Orleans, wo er einen Super Bowl XLIV gewonnen hat, ist Denver seine zweite Chance. Nicht jeder Coach bekommt so etwas. Die Intensität, mit der er auf jeden Detail herumreitet, auf einen unsichtbaren Rookie mit null Snaps, auf eine Defense die nicht läuft, auf einen falschen Spielerzähler, ist die Intensität eines Mannes, dem bewusst ist, dass Playoff-Fenster nicht lange offenstehen.
Für deutsche Football-Fans, die die NFL verfolgen, ist Payton einer der faszinierendsten Trainer der Liga. Seine öffentliche Persona ist durchdacht und charming, aber in Momenten wie diesem zeigt sich die Besessenheit, die große Trainer ausmacht. Das AFC Championship Game gegen New England wird zeigen, ob diese Fokussierung auf Details und Kontrolle einem Team unter extremem Druck hilft oder ob sie ihn blind macht. Die Broncos fahren als starker Underdog nach Foxborough, und jede einzelne Entscheidung wird wahrscheinlich zählen.