Victor Wembanyama saß nach der 108-123-Niederlage der San Antonio Spurs gegen die Oklahoma City Thunder in Spiel 3 der Western Conference Finals nachdenklich da und hielt ein Mikrofon an seine Wange. Der Gedanke, der ihn beschäftigte, war nicht die eigene Leistung, sondern das, was er hätte besser machen können für sein Team. Mit 26 Punkten, vier Rebounds und zwei Blocks hatte Wembanyama erneut eine starke Einzelleistung gezeigt und wurde damit zum ersten Spurs-Spieler seit Tim Duncan 2007, der drei Playoff-Spiele hintereinander mit mindestens 20 Punkten und mehreren Blocks absolvierte. Doch zum ersten Mal in diesen Playoffs verlor San Antonio ein Spiel, in dem Wembanyama 25 oder mehr Punkte erzielte.
Die Thunder übernahmen mit 2-1 die Serienführung, und Wembanyama war ehrlich mit sich selbst. "Ich habe das Gefühl, dass ich meine Teammates momentan nicht besser mache", sagte der 20-Jährige. "Meine Wurfsquoten sind nicht schrecklich. Ich muss ein besserer Teamplayer sein, besser passen, besser reboundan, die Defense meiner Gegenspieler mehr unter Druck setzen und dann sehen, wie viel sie meinen Teammates helfen müssen." Die Spurs hatten sich von ihren Ballverlust-Problemen der ersten beiden Spiele befreit, auch weil De'Aaron Fox und Dylan Harper zurück waren und Stephon Castle entlasteten. Castle hatte in den ersten zwei Spielen 20 Turnovers gehabt, die meisten eines einzelnen Spielers über zwei Playoff-Spiele seit Beginn der modernen Erfassung 1977.
Fox half San Antonio mit einem blitzschnellen 15-0-Lauf zu Spielbeginn, vier seiner neun First-Quarter-Punkte erzielte er in den ersten 2:37, dazu kam ein Steal und ein Rebound. Das Frost Bank Center explodierte. Doch die Spurs waren nur die zweite Mannschaft seit 1997-98, die mit einem 15-0-Run oder besser ein Playoff-Spiel startete und trotzdem verlor. Die Washington Wizards hatten 2017 gegen Boston mit 16-0 angefangen und 111-123 verloren. "Es ist ein langes Spiel", sagte Fox später, der sich in der Schlussphase erneut an seiner rechten Knöchelverletzung zu schaffen machte. "Es ist schwer, so etwas 48 Minuten lang zu halten. Aber wenn man sieht, wie der Vorsprung einfach wegschmilzt, ist das frustrierend."
Das große Problem war Wembanyamas Auswechslung. Solange er auf dem Platz stand, führten die Spurs 26-11 im ersten Viertel. Als er raus kam, zogen die Thunder innerhalb von Minuten auf 15-5 davon. Wembanyama war beteiligt bei 14 der 31 Punkte San Antonios im ersten Viertel, und Fox traf drei seiner ersten drei Würfe nach Assists von dem Jungstar. "Wir waren sehr scharf zu Beginn, haben das aber nicht gehalten", sagte Trainer Mitch Johnson. "Ich dachte, wir spielen sehr schnell. Das war aber nicht zu halten über ein ganzes Spiel." Das Bankspieler-Problem der Spurs zeigte sich brutal. Oklahomas Reserve Jared McCain allein hatte 24 Punkte in 27 Minuten. In den ersten zwei Spielen hatte Oklahomas Bench 107-41 gepunktet, im dritten Spiel legten die Thunder noch einen drauf: 76-23 beim Bench-Scoring. Das ist eine Differenz, die ein Team nicht aufholen kann.
Ballports-Take: Wembanyama spielt auf einem MVP-Niveau, doch die Spurs scheitern nicht an ihm, sondern an der fehlenden Tiefe. Dass ein Rookie-Coach wie Mitch Johnson bei einem dieser größten Talente aller Zeiten nicht die richtige Balance findet zwischen Wembanyama-dominiertem Offense und Team-Basketball, ist das eigentliche Problem. Für deutsche Fans, die Wembanyama verfolgen, ist das aber auch beruhigend: Ein einzelner Spieler kann eine Serie nicht gewinnen, egal wie talentiert er ist. Das sollte auch für die European-Leagues-Ambition gelten, falls es darum geht. Die Spurs müssen jetzt zeigen, ob sie aus Spiel 3 lernen oder ob Thunder in San Antonio davonfährt.