Die Philadelphia 76ers haben sich von Daryl Morey getrennt. Nach sechs Saisons und fünf Playoff-Appearances endete die Bilanz ernüchternd: Morey kam nie über die zweite Runde hinaus. In dieser Saison fegte New York die 76ers regelrecht beiseite und besiegte sie glatt. Bob Myers, der legendäre Architect der Golden-State-Warriors-Dynastie mit vier Titeln, leitet nun die Suche nach Moreys Nachfolger. Seine Mission ist klar: einen GM finden, der nicht eigensinnig agiert, sondern mit dem bestehenden Coaching-Staff und der Organisation im Einklang arbeitet.
Myers betont dabei ein Prinzip, das er bei den Warriors erfolgreich angewendet hat. "Du brauchst gute Menschen, die in Harmonie arbeiten", sagte er auf einer Pressekonferenz. Das ist ein direkter Seitenhieb auf Moreys Arbeitsweise. Dessen Bilanz war nicht schlecht: 270 Siege und 212 Niederlagen in der Regular Season, dazu 28-26 in den Playoffs. Aber das reichte nicht aus, um eine Dynastie zu bauen. Managing Partner Josh Harris verteidigte zwar die umstrittene Jared-McCain-Trade im Februar gegenüber den Fans, räumte aber ein: "Niemand ist frustrierter als ich, dass wir unsere Ziele nicht erreicht haben. Das schulden wir euch und der Stadt, besser zu sein."
Die McCain-Trade zeigt das Kernproblem: Der junge Guard blüht jetzt in Oklahoma City auf, während die 76ers dafür Draft Picks erhielten. Ein Schachzug, dessen Nutzen sich erst noch zeigen muss. Harris verteidigte die Offensive: "Das war Teil eines größeren Plans." Er betonte gleichzeitig, dass das Front-Office die volle Rückendeckung hat, in die Luxury Tax zu gehen. Es war also keine finanzielle Notwendigkeit, sondern eine sportliche Entscheidung.
Myers wird bis zum NBA-Draft am 23. Juni einen neuen GM einstellen wollen, aber er warnt vor Hektik. "Ich glaube an Charakter und Führung", erklärte er. "Ich suche nach jemandem, der das verkörpert." Das ist ein Code für: Es reicht nicht, dass jemand gescheit ist. Der neue GM muss mit Joel Embiid, Paul George, Tyrese Maxey und VJ Edgecombe zusammenarbeiten können. Embiid bleibt ein Risikofaktor wegen chronischer Verletzungen. George verpasste 25 Spiele durch ein Doping-Verstoß.
Bei der Kandidatensuche wird Myers jede Bewerberin und jeden Bewerber direkt fragen: Können die 76ers mit diesem Roster einen Titel gewinnen? Das ist die unbequeme Wahrheit, die Myers anspricht. "Es braucht ein enormes Maß an Unbehagen, um einen Championship zu gewinnen", sagte er. "Das ist nicht einfach. Es gibt keinen Zauberstab. Das erfordert enorme Arbeit." Eine klare Botschaft an die Fanbase: Seht realistisch. Und eine klare Botschaft an potenzielle GMs: Ihr werdet Änderungen vornehmen müssen.
Eine Konstante bleibt: Nick Nurse als Head Coach wird nicht zur Disposition gestellt. Harris stellte sich hinter seinen Trainer. Das ist wichtig für die Kontinuität. Die McCoy-Razzia durch die New-York-Fans im Wells-Fargo-Center in den Spielen 3 und 4 der Serie war demütigend genug.
Ballports-Take: Für deutsche Fans, die die 76ers verfolgen, ist das eine spannende Neuorientierung. Myers hat bewiesen, dass er Dynastien baut. Sein Ansatz, dass der GM nicht allmächtig sein darf, sondern Teil eines funktionierenden Systems, könnte Philadelphia guttun. Embiid bleibt einer der besten Big Men der Welt, und Maxey ist ein echter Star im Aufbau. Wer neuer GM wird, entscheidet darüber, ob dieser Kern ausreichend abgefedert wird. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Myers die richtige Person findet.