Victor Wembanyama konnte sich kaum halten. In den Schlusssekunden von Spiel 7 der Conference Finals gegen die favorisierten Oklahoma City Thunder riss sich der 22-Jährige sein Trikot vom Leib, als Teammate Devin Vassell mit 4,1 Sekunden auf der Uhr zum 111-103-Auswärtssieg dunkte. Wembanyama schrie mehrmals auf dem Parkett auf, Tränen schossen ihm in die Augen, er umarmte seine Mitspieler und ließ Freudenschreie aus, die durchs Gebäude hallten. Kein Handschlag mit den unterlegenen Gegnern, nur die pure Emotion eines Mannes, der gerade seinen Traum verwirklichen sah.
"Das Larry O'Brien zu gewinnen, das ist ein Kindertraum", sagte Wembanyama nach der Partie. "Eine echte Chance zu haben, einen greifbaren Traum zu realisieren. Wenn wir es schaffen, wird das ein unglaublicher Tag. Es ist schwer, das in Worte zu fassen. Es ist fast wie der Sinn meines Lebens."
Was die Spurs jetzt vorhätten, war statistisch eigentlich unmöglich. San Antonio ist das erste Finals-Team aller Zeiten, dessen zwei beste Scorer beide 22 Jahre alt oder jünger sind. Wembanyama und der dritte Jahr Guard Stephon Castle führen diese Equipe an. Nach gewichteter Spielzeit ist es nur das zweite Finals-Team überhaupt mit solch junger Besetzung, seit den Portland Trail Blazers von 1977.
Spurs-Coach Mitch Johnson staunt über die Mentalität seines Superstars. "Victor hat eine solche Vision davon, wer er als Mensch und Spieler sein will", sagte Johnson. "Die Hingabe und der Einsatz dafür sind beispiellos." Und das obwohl Wembanyama eine bemerkenswert starke Umgebung bekam.
Castle, 21 Jahre alt, wurde zum Playoff-Star. In 18 Spielen auf dem Weg zur Western Conference Championship averaging der Guard 19,2 Punkte und 6,7 Assists, während er gleichzeitig Anthony Edwards und Shai Gilgeous-Alexander in den letzten beiden Runden verteidigte. Der 20-jährige Rookie Matas Harper, elf Monate nach seinem zweiten Draft-Pick, traf im entscheidenden Spiel 1 in der Overtime mit 24 Punkten den Puls der Serie, legte in Spiel 6 als Bankflexible 18 Punkte in 22 Minuten nach und schnappte sich Rebounds in den Schlussminuten sowie einen wichtigen Dreier.
De'Aaron Fox, die bekannte Deadline-Akquisition, die signalisiert hatte, dass San Antonios Rebuild-Phase endet, spielte sein bestes Spiel der Serie. Trotz einer Syndesmose-Verletzung, wegen der er die ersten zwei Spiele verpasst hatte, brachte Fox 15 Punkte und drei Steals. Luke Kornet, Wembanyamaas Backup, spielte nach Johnson die beste defensive Possession der Nacht, als er nach Wembanyamaas fünftem Foul aufs Feld kam und sofort präsent war.
Die Spurs treffen im NBA-Finale auf die New York Knicks. Harper, ein gebürtiger New Jersey-Einwohner, kann nun seinen Traum verwirklichen. "Immer schon wollte ich im Garden spielen, in einem NBA-Finale", sagte Harper. "Und das schaffe ich in meinem ersten Jahr."
Ballports-Take: Wembanyama ist erst seit knapp sechs Monaten 22 Jahre alt und spielt bereits um die Meisterschaft. Der Weg in die NBA Finals mit dieser jungen Besetzung ist in der modernen Liga praktisch ohne Beispiel und zeigt, welches Potenzial San Antonio in dieser Core hat. Für deutsche Fans, die Wembanyama seit seiner Zeit in der LNB Pro A oder früher beobachten, ist das ein emotionaler Moment. Ein europäischer Spieler dieser Größe und Qualität in so kurzer Zeit auf die Finals-Bühne zu bringen, ist selten. Die Frage ist jetzt nicht mehr, ob diese Spurs konkurrenzfähig sind, sondern ob sie mit diesem jungen Kern den nächsten Schritt gehen können.