Kim Caldwell steht mit dem Rücken zur Wand. Die Trainerin der Tennessee Lady Vols erlebte die schlimmste Saison ihrer Karriere, verlor alle ihre Spielerinnen und musste sich Vorwürfe anhören, dass sie das Amt räumen sollte. Im Gespräch mit ESPN war Caldwell hart mit sich selbst ins Gericht: Sie habe "einen schlechten Job" beim Coaching gemacht und sei zu weit weg von den Prinzipien abgewichen, die ihr an ihren früheren Stationen Glenville State und Marshall Meisterschaften gebracht hatten.
Was war schiefgelaufen? Nach ihrer Ernennung hatte Caldwell in Jahr eins die Sweet 16 erreicht und einen Vertrag bis 2029-30 bekommen. Damit waren die Erwartungen gesetzt, doch Caldwell selbst sah diesen Erfolg nie als solchen: Tennessee spielte 24-10, verlor aber 8 der 10 SEC-Spiele. Das war mehr Niederlagen in einer Saison als sie in ihrer ganzen Trainerlaufbahn bis dahin kannte. Sie wollte mehr. Also änderte Caldwell radikal ihre Philosophie, warf ihr bewährtes Up-Tempo-Pressing-System über Bord und versuchte alles neu. Das Ergebnis war noch schlimmer: Die Vols starteten 6-0 in der SEC, kollabidierten dann im Februar und beendeten die Saison 16-14 mit acht aufeinanderfolgenden Niederlagen, darunter eine erste Runde im NCAA-Turnier gegen NC State.
Caldwell gestand sich selbst ein, dass sie zu tief in die Trickkiste gegriffen hatte: "Man versucht ignorant, im Jahr zwei in die Final Four zu kommen, indem man alles ändert, und das war nicht erfolgreich." Sie verstand, dass die Spieler gingen und dass die negative Erzählung um das Programm berechtigt war. Aber jetzt, mit ihrer komplett neuen 15er-Mannschaft in der zweiten Woche der Offseason-Workouts, glaubt Caldwell, dass sie einen Kader zusammengestellt hat, der so spielen kann wie in Jahr eins. Wenn nicht? "Wenn wir noch ein Jahr wie das letzte haben, dann ist das es," sagte Caldwell deutlich. "Wir müssen ein besseres Produkt auf dem Platz zeigen. Wir müssen hart spielen. Wir müssen so aussehen, wie ich meine Teams aussehen lassen möchte."
Tennessee Athletic Director Danny White stellte sich hinter seine Trainerin: "Ich fühle mich so sicher wie am Tag, an dem ich sie eingestellt habe, dass sie hier einen Nationaltitel gewinnen kann." Er lobte Caldwells Demut, ihre Entscheidungen zu hinterfragen und die Fehler zu beheben. "Viele Menschen kämpfen damit, aber sie hat es geschafft und alles angesprochen, was angesprochen werden musste."
Für deutsche Fans, die College-Basketball verfolgen, zeigt Caldwells Situation, wie dünn die Linie zwischen Optimismus und Jobsicherheit ist. Ein gutes Jahr eins mit Sweet-16-Run genügt nicht, wenn die Trainerin selbst höhere Standards hat. Jetzt muss sie liefern oder gehen. Das macht diese Saison für Tennessee zu einer der spannendsten in der Women's NCAA, weil sowohl Caldwell als auch der Kader unter echtem Druck stehen. Wer Teams mag, die mit dem Rücken zur Wand spielen, sollte die Vols im Auge behalten.