John Wall saß an diesem Sonntagmorgen im Adorn Bar des Four Seasons in Chicago und aß Speck. Er war als Vertreter der Washington Wizards beim NBA-Draft-Lottery angekommen, und während er zwischen den Bissen sprach, erklärte er seine Rituale. Unter seinen exklusiven Howard-University-Air-Jordan-14-Sneakern trug er immer ein Paar ultragepolsterte Hanes-Socken aus dem Walmart. Dazu kam eine Halskette, die seine verstorbene Mutter getragen hatte. Als er die letzte Halskette bei der Feier zu Ehren seiner Karriere am 29. Januar trug, brach das Verschluss. Dafür ließ er sich die Halskette als Tattoo auf seinen Nacken stechen.
Wall deutete auf sein Nackentattoo, da ließ ein Kellner unweit von ihm ein Tablett mit Grünzeug fallen. Es krachte laut. War das ein schlechtes Omen? Die Wizards kannten schlechtes Glück zur Genüge. Seit 1979, als die damaligen Bullets im NBA-Finals verloren, hatten sie keine Conference Finals mehr erreicht. In den vergangenen drei Saisons verloren sie insgesamt 196 Spiele. Der Fluch war real. Ein Jahr zuvor hätten sie noch die besten Chancen gehabt, Cooper Flagg mit dem ersten Pick zu holen, doch sie rutschten bis auf Platz sechs ab.
Wall war beim Draft-Lottery-Wochenende als Teamvertreter angereist. ESPN hatte exklusiven Zugang zur Organisation erhalten. Wall selbst war 2011 schon mal in dieser Rolle, damals bekam Washington den sechsten Pick und wählte Jan Vesely. Dieses Mal sollte es anders werden. "Das fühlt sich an wie: Wir müssen das schaffen", sagte Wall. "Ich brauche das. Das sagt mir jeder. Du musst es bringen. Ich hoffe, ich bringe das Glück."
Vier Stunden später war es passiert. Die Wizards hatten die Lotterie gewonnen. Sie waren das erste Team seit der NBA-Lotterie-Reform von 2019, das mit der schlechtesten Regular-Season-Bilanz (17-65) den ersten Pick holte. Es war der erste Lottery-Sieg der Franchise seit 2010, als Wall selbst in den Draft kam. Seitdem hatten die Wizards bereits All-Stars wie Trae Young und Anthony Davis tradiert. Michael Winger, Präsident von Monumental Basketball und der einzige Wizards-Vertreter im Lotterieraum selbst, stand da, als die Nummer eins gezogen wurde. Er tanzte nicht. Er konnte nicht jubeln. Es war niemand zum Feiern da.
Ballports-Take: Für deutsche Fans ist diese Geschichte vor allem eines: ein Lehrstück über den Wert von strukturellem Geduld im Draft-Aufbau. Die Wizards haben bewusst schlecht gespielt, um in die beste Position zu kommen, und das ist im professionellen Sport nicht die Regel. Mit Trae Young und Anthony Davis im Roster wird das Team nun fundamental stärker. Der erste Pick 2025 könnte der letzte Baustein sein, der aus einem geduldigen Wiederaufbau ein echtes Contender-Team macht. Und John Walls Baumwoll-Socken? Die dürften ein paar Saisons länger halten müssen.