Lindsay Whalen erkennt sich selbst in Olivia Miles wieder. Vor 20 Jahren war Whalen eine junge Point Guard bei den Connecticut Sun, warf sich sofort in die Verantwortung und half der Mannschaft bis in die WNBA Finals. Heute assistiert Whalen bei den Minnesota Lynx, und dort sitzt Miles am Steuer. Eine beeindruckende Parallele, denn Miles macht das, was Whalen damals tat: Sie trägt von Tag eins an eine Mannschaft auf ihren Schultern.
Miles ist nach zwei Monaten Saison nicht wiederzuerkennen. Die Lynx führen mit 16-6 Siegen die Liga an, und ihre Rookie Point Guard steuert 18,5 Punkte und 5,7 Assists pro Spiel bei. Sie reboundt auch noch 4,8 Mal pro Partie. Das genügt ihr nicht nur für die All-Star Selection als Starterin, sondern auch für die Favoritenrolle bei der Rookie-of-the-Year Wahl. Trainer Cheryl Reeve kann sich kaum fassen: "Das, was wir gelernt haben, ist vor allem, wie reif diese Spielerin in ihrem Alter bereits ist. Ein Pick-and-Roll ist ein Pick-and-Roll auf jedem Level, und das macht sie einfach wirklich gut. Wir haben audible gasps in unserem Coaching Staff bei einigen ihrer Pässe."
Miles ist erst die neunte Rookie in der WNBA-Historie, die als All-Star Starterin gewählt wurde. In den letzten vier Jahren taten das vor ihr nur drei: Aliyah Boston von Indiana (2023), Caitlin Clark von Indiana (2024) und Paige Bueckers von Dallas (2025). Alle drei waren erste Draft-Picks. Miles wurde als zweite Wahl hinter Azzi Fudd (Dallas) gezogen, was umso beeindruckender ist. Sie ist nur die zweite Lynx-Rookie nach Maya Moore (2011), die es in die All-Star Starting Five schafft.
Das Besondere an Miles: Sie zahlt bewusst den Preis für diese Rolle. Als Notre-Dame-Spielerin hätte sie sofort in den 2024er Draft gehen können. Sie sagte aber, dass sie sich noch nicht bereit fühlte. Also transferierte sie zu TCU, um ein Jahr mehr zu trainieren und an ihrer Vorbereitung zu feilen. Der Plan ging auf. Nach 20 Spielen ist sie nur die zweite Point Guard, die im Schnitt mindestens 18 Punkte und 5 Assists macht. Paige Bueckers war die erste. Miles' Zahlen sind sogar leicht besser als Bueckers' nach 20 Spielen.
Im Spiel gegen New York am 3. Juli (eine 99-86 Niederlage) bewies Miles bereits, dass sie auch gegen Elite-Teams besteht: 14 Punkte, 5 Rebounds, 5 Assists. Vor kurzem verpasste sie zwei Spiele wegen einer Wadenverletzung, doch wenn sie am Samstag gegen die New York Liberty zurückkehrt, wird es eine große Nummer. Die Liberty sind wie die Lynx Meisterschaftskandidaten in dieser Saison. Chelsea Gray, die erfahrene Point Guard der Las Vegas Aces, sah Miles spielen und war begeistert: "Sie hat mehrfach gezeigt, dass sie in großen Momenten großartig sein kann. Sie macht einen fantastischen Job."
Miles brauchte nicht lange, sich an die Profi-Level anzupassen. Sie startete jedes Spiel, in dem sie spielte, und kam auf 30,6 Minuten pro Partie. Das ist insofern bemerkenswert, als die Lynx mit Napheesa Collier eine Starspielerin im Front Court verloren hatten. Miles musste sofort die Lücke ausfüllen und die Offense von Anfang an führen. Dass sie das schafft und dabei noch All-Star-Level spielt, ist selten im modernen Basketball.
Für deutsche WNBA-Fans und alle, die das Rookie-Phänomen von Caitlin Clark und Co. verfolgt haben, ist Miles eine faszinierende Alternative zur hype-getriebenen Clark-Story. Miles hat sich bewusst Zeit genommen, und es zahlt sich aus. Sie ist nicht nur eine statistisch messbare Sensation, sondern auch eine Spielerin, der die etablierten Profis Respekt zollen. Die Frage, ob sie die Rookie-of-the-Year wird, ist schon entschieden. Die größere Frage ist, ob sie die Lynx in die Playoffs führen kann und wie weit sie dort kommen.