Acht Jahre sind vergangen, seit die Toronto Raptors einen kühnen Schachzug wagten. Sie schickten ihren besten Scorer DeMar DeRozan, den Lottery-Pick Jakob Poeltl und Draft-Kapital nach San Antonio, um Kawhi Leonard zu holen. Die Geschichte endete mit einer Championship. Jetzt versuchen die Raptors dieselbe Formel noch einmal. Brandon Ingram ist diesmal der Leading Scorer, der die Stadt verlässt. Gradey Dick, ein Lottery-Pick mit bislang enttäuschenden Leistungen, geht mit ihm. Dazu zwei ungeschützte erste Picks, ein Pick Swap und zwei zweite Picks. Leonard, 34 Jahre alt und sieben Mal All-Star, soll Toronto erneut zum Titel führen.
Leonard spielte zuletzt auf einem Level, das in seinem Alter außergewöhnlich ist. Seine durchschnittlich 27,9 Punkte pro Spiel waren ein Karrieremaximum, ebenso seine Usage Rate. Nur LeBron James hat in der NBA-Geschichte bei diesem Alter oder älter bessere Box Plus/Minus-Werte gezeigt. Trotz ACL-Verletzung 2021 und 2022 trifft Leonard über 40 Prozent seiner Dreier seit seiner Rückkehr, das ist fast identisch mit Stephen Currys Quote. Von 60 Spielern der letzten vier Saisons mit mindestens 25 Prozent Usage Rate rangiert Leonard beim True Shooting Percentage auf Platz zehn. Das ist bemerkenswert bei seiner schwierigen Shot-Auswahl. Defensiv bleibt Leonard gefährlich. Vergangene Saison legte er 1,9 Steals pro Spiel auf, nur vier andere NBA-Spieler machten mehr. Der entscheidende Punkt: Alle vier waren 25 Jahre alt oder jünger.
In jedem seiner Jahre bei den Clippers zeigte Leonards On/Off-Differential zweistellige positive Werte, ein Zeichen seiner immensen Auswirkung. Die fortgeschrittenen Statistiken ordnen ihn unter die NBA-Elite ein. Manche Metriken stellen ihn sogar über Giannis Antetokounmpo, was Leonard zum bestausgetauschten Spieler dieses Offseason machen würde.
Aber hier beginnt das Problem. In den vergangenen vier Saisons spielte Leonard 52, 68, 37 und 65 Spiele. Das sind etwa 67,7 Prozent der Clippers-Saisons. Jedes Spiel, das er fehlte, kostete sein Team deutlich an Leistung. In den Playoffs 2023 und 2024 zusammen spielte Leonard in nur vier von elf möglichen Spielen. Diese Ausfallzeiten sind das Risiko, auf das Toronto jetzt setzt. Ein Trade, der erneut zeigt, dass manche Teams bereit sind, massiv zu wetten wenn der Moment richtig zu sein scheint. Für die Raptors ist es jetzt oder nie.
Für deutsche Basketball-Fans, die die NBA verfolgen, ist Leonards Wechsel ein Paradebeispiel für aggressive Roster-Konstruktion. Toronto opfert die Zukunft für eine Present-Day-Chance mit einem Elite-Spieler. Das funktioniert aber nur wenn Leonard fit bleibt, und genau da liegt die Schwachstelle. Die Raptors haben mit diesem Trade ihre Meisterschafts-Fenster auf vielleicht zwei, drei Saisons komprimiert. Ingram, noch im Prime seiner Karriere, ist weg. Das ist der Preis für eine zweite Chance auf eine Championship, die die erste möglicherweise übertreffen soll.