New York lag unter Kontrolle. Die San Antonio Spurs hatten die New York Knicks regelrecht vorgeführt, führten nach dem ersten Viertel 37-20 und zur Halbzeit 76-49. Victor Wembanyama saß auf dem Parkett, hatte gerade einen Ellbogenschlag von Mitchell Robinson abbekommen, und klatschte vor Erleichterung in die Hände. Die Knicks waren fertig. Oder so schien es.
In der zweiten Halbzeit kollabierte San Antonio. 30 Punkte in 24 Minuten, dazu acht Ballverluste und nur acht verwandelte Würfe bei 39 Versuchen. Die Knicks kämpften sich zurück. OG Anunoby tippte einen verpassten Dreier von Jalen Brunson kurz vor dem Ende zum entscheidenden Punkt rein. 107-106 für New York, und die Spurs standen plötzlich mit dem Rücken zur Wand. 3-1 hinten in den Finals.
In der Umkleidekabine der Spurs herrschte Stille. Spieler saßen noch in ihren Uniformen herum, Köpfe gesenkt, den Blick aufs Handy gerichtet. Eine Person ließ das Gerät fallen und es glitt unter ein Whiteboard. Die Szene fasste zusammen, was diese Niederlage bedeutete.
Mitch Johnson, der Trainer der Spurs, rang nach Worten. "Das ist oben auf der Liste, wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht", sagte er. "Wir haben in der ersten Halbzeit großartig gespielt, diese Führung aufgebaut und dann die Partie nicht zu Ende gebracht. Das ist gelinde gesagt enttäuuschend."
Der Anfang war beeindruckend gewesen. Devin Vassell und der Rookie Dylan Harper schossen zusammen sieben Dreier aus sieben Versuchen, alle in der ersten Halbzeit. Die Spurs stellten einen Rekord auf: 14 Dreier in einer Halbzeit der NBA Finals. Aber die Krise kam in den letzten 24 Minuten. San Antonio spielte nachlässig, verließ sich darauf, dass der Vorsprung erhalten blieb.
Mit 1:47 verbleibend und einem Rückstand von 104-103 verpasste Wembanyama zwei Free Throws. Sekunden später beschleunigte De'Aaron Fox zum Ring für einen möglichen Layup, der San Antonio mit 106-104 nach vorne gebracht hätte. Anunoby blockte die Chance. Der gleiche Anunoby verwandelte den Rebound zum Buzzer Beater.
Fox analysierte die Situation später nüchtern: "Man muss einfach punkten. Wenn ich einen Layup bekomme und zu drei Punkten Vorsprung komme, zwinge ich sie, einen Dreier zu brauchen. OG hat einen guten Block gemacht." Harper erkannte das fundamentale Problem: "In der ersten Halbzeit sind schwierige Würfe reingegangen, weil wir richtig gespielt haben. Danach haben wir das Richtige nicht mehr getan. Mit einer 27-Punkte-Führung wird man nachlässig. Man kann nicht einfach das Gas wegnehmen."
Wembanyama nahm die Niederlage wie ein Veteran auf. "Ich denke, das geht jetzt in zwei Richtungen: eine schlechte und eine gute. Die schlechte wäre, aufzugeben. Die gute wäre, daraus stärker hervorzugehen, als Team zusammenzuwachsen. Das werden wir tun." Samstag wartet Spiel 5 zu Hause im Frost Bank Center. Für die Spurs geht es um die Existenz in dieser Serie.
Für Fans, die den jungen Spurs verfolgen, ist dies ein kostspieliger Lernprozess. Wembanyama zeigt bereits die nötigen mentalen Qualitäten eines Champions, aber die Erkenntnis, dass 27 Punkte Vorsprung nicht unüberwindbar sind, wird sich für diese Mannschaft einbrennen. In der Kürze einer Serie sind solche Kollapse überlebenswichtig. San Antonio muss zeigen, dass es sich von dieser Demütigung erholt, sonst endet die Geschichte vor der sechsten Partie.