SAN ANTONIO - Victor Wembanyama hatte klare Vorstellungen, wie er auf seinen ersten Feldverweis der NBA-Karriere reagieren würde. Zwei Tage nachdem er in Spiel 4 wegen eines Ellbogentreffers gegen Naz Reid vom Platz gestellt worden war, brauchte Devin Vassell dem Franzosen nicht lange einen Motivationsvortrag zu halten. Vassell wollte ein "upset Vic" sehen. Trainer Mitch Johnson sprach von "Reife". Wembanyama selbst fasste es prägnanter zusammen: "Ich denke, das schließt sich nicht gegenseitig aus. Ich will beides."
In Spiel 5 der Western Conference Semifinals gegen die Minnesota Timberwolves lieferte er genau das ab. Die Spurs gewannen 126:97 und schnappten sich eine 3:2-Serienführung. Was Wembanyama dabei ablieferte, ist statistisch bemerkenswert: 27 Punkte, 17 Rebounds, fünf Assists, drei Blocks und zwei 3-Pointer. Seit die 3-Punkt-Linie 1979-80 eingeführt wurde, schaffte das in der Postseason kein anderer NBA-Spieler.
Den Grundstein legte der 20-Jährige dabei in den ersten zwölf Minuten. Mit 18 Punkten im ersten Viertel stellte er einen persönlichen Playoff-Rekord auf. Noch beeindruckender: 16 seiner 21 Punkte aus der ersten Halbzeit erzielte er in einer Spanne von sechs Minuten. Als Minnesota nach 5:44 Minuten die erste Auszeit nahm, hatte Wembanyama die Timberwolves mit 16:11 bereits im Alleingang überholt. "Es ist super wichtig für uns, wie wir das Spiel beginnen, weil es den Ton setzt", erklärte Wembanyama. "Ich war frisch, fühlte mich gut. Es ist schwer zu sagen, ob es nur Spiel 5 war. Offensichtlich bin ich aufgeregt. Wir werden Schmetterlinge im Bauch haben. Aufregung ist zu diesem Zeitpunkt der Playoffs nichts Abnormales."
Abnormal war hingegen, wie häufig die Timberwolves Wembanyama dabei physisch unter Druck setzten. Rudy Gobert, Julius Randle und Jaden McDaniels bombardierten ihn regelmäßig. Doch diesmal behielt Wembanyama die Nerven. San Antonio erzielte 68 Punkte in der Paint, während Minnesota nur 36 zusammenbrachte. Das war für die Spurs das zweitbeste Ergebnis in der Paint seit 1998, nur übertroffen durch 72 Punkte im Playoff-Opener 2008. Noch wichtiger: Es war die höchste Punkteausbeute in der Paint gegen ein Team mit dem vierfachen Defensive Player of the Year Gobert.
Wembanyama wusste genau, warum er unter Kontrolle bleiben musste. "Ich glaube, Provokationen wären vielleicht eine Strategie der Timberwolves gewesen", analysierte er. "Ich muss ruhig bleiben." Diese Ruhe zahlte sich aus. In einem 12:2-Lauf über 3:15 Minuten im ersten Viertel erzielte Wembanyama neun Punkte und schnappte sich vier Rebounds. Ein 26-Footer nach einer Vorlage von Stephon Castle bescherte San Antonio eine 15-Punkte-Führung, die sich später auf 30 Punkte aufblähen sollte. De'Aaron Fox beschrieb es treffend: "Wenn es darum geht, wer das physischere Team ist oder wer den Hits standhalten kann, hat er das großartig gemacht. Er ist nicht zusammengeklappt, wenn er getroffen wurde. Wir wissen, dass selbst die stärksten Spieler der Liga getroffen werden und fallen. Aber wenn er spielt, tut er das nicht."
Ballports-Take: Wembanyamas Reaktion auf seinen Feldverweis ist das, was ein Franchise-Player ausmacht. Er ließ sich nicht von der emotionalen Komponente erdrücken, sondern nutzte die Energie, um sein volles Toolkit auszupacken. Für DACH-Fans, die den Spurs verfolgen, ist das die Bestätigung: Der Kerl ist nicht nur athletisch überlegen, sondern entwickelt sich auch mental weiter. In einer Serie gegen Goberts Defensive-Monster zeigt Wembanyama, dass er sich nicht einschüchtern lässt und gleichzeitig clever spielt. Das macht ihn als langfristiger Investment für San Antonio noch interessanter.