Denver hat nach der bitteren 10:7-Niederlage gegen New England in der AFC Championship Game umgesteuert. Sean Payton, der in seiner gesamten Karriere als Head Coach die Plays selbst gerufen hat, gibt diese Verantwortung nun ab. Offensive Coordinator Davis Webb wird künftig die Playcalls über Walkie-Talkie geben, während Payton sich auf die übergeordnete Spielweise konzentriert. Das ist ungewöhnlich für einen Coach wie Payton, der in 15 Jahren bei den Saints und drei kompletten Saisons in Denver die Kontrolle über die Offensive behalten hat.
Die Änderung kam nicht aus dem Nichts. Nach dem Ausfall von Starter Bo Nix musste Backup Jarrett Stidham in der Championship Game ran und das Offense kollabierte förmlich. Im zweiten Halbjahr schaffte Denver nur 32 Yards Raumgewinn, in den letzten zwei Vierteln keine Possession mit 17 oder mehr Yards. Payton erkannte, dass er selbst ein Problem war. Bei der Combine im Februar überlegte er erstmals, die Playcalls abzugeben. Das wurde zur fixen Idee.
Webb, 31 Jahre alt, wurde von Passing Game Coordinator und Quarterbacks Coach zum Offensive Coordinator befördert. Der Job als Playcaller hätte ihm mehrere andere Teams angeboten. Die Bills, Ravens und Raiders interessierten sich für ihn als Head Coach, andere Teams wollten ihn als Offensive Coordinator. Aber Webb blieb. "Das war eine Eins-a-Entscheidung", sagte er nach der ersten OTA-Practice im Mai. "Ich wollte nicht weg. Ich liebe die Spieler hier, liebe den Staff, liebe das Management." Mit seiner Entscheidung, Webb die Playcalls in die Hand zu geben, hat sich Payton selbst auch entlastet.
Das System ist nicht ganz neu für Webb. In der Preseason der Vorsaison rief er Plays gegen Arizona, Denver gewann mit 562 Yards Raumgewinn. Payton hatte zudem in den letzten drei Jahren regelmäßig Joe Lombardi die Playcalls übernehmen lassen, während er selbst im Offseason-Programm beobachtete. Jetzt ist Lombardi weg, Webb ist der Mann. Zusammen mit Payton hat er Spielfilme von zwei kompletten Saisons analysiert, vor allem mit Blick darauf, was mit Bo Nix funktioniert und was nicht.
"Es ist die gleiche Offense, nur mit kleinen Anpassungen hier und da", erklärte Webb. "Aber das ist immer noch ein Sean-Payton-Team mit Sean-Payton-Philosophie." Das ist die Sache: Webb wird zwar anrufen, aber Paytons Handschrift bleibt überall sichtbar. Die Transition soll bislang reibungslos laufen. Wie die beiden in Echtzeit während eines Spiels kommunizieren werden, wie Payton reagiert wenn etwas schiefgeht, das wird sich erst zeigen. Aktuell steht allerdings fest, dass Denver seine schwache Offensive Playcalling-Situation ändern wollte und Webb der Mann ist, der das angehen soll.
Für deutsche Fans ist Webb eine interessante Figur, weil er zeigt, wie schnell sich Positionen im NFL-Kontext verschieben. Ein Quarterbacks Coach wird zum Play Coordinator und kann plötzlich auch als Head Coach interessant sein. Gleichzeitig ist die Tatsache, dass Payton die Kontrolle abgibt, ein Statement: Selbst die Top-Coaches müssen erkennen, wann sie das System bremsen statt zu helfen. Für Denver bedeutet das konkret, dass die Offense schneller temporeich spielen soll und Webb mit den neuen WR Jaylen Waddle, den Denver aus Miami für drei Picks inklusive eines First Rounders holte, ein frisches Konzept fahren kann.