Was die New York Knicks in Spiel 4 der NBA Finals 2026 gelang, hatte es noch nie gegeben. Ein 29-Punkte-Rückstand gegen die San Antonio Spurs, umgewandelt in einen 107-106-Sieg. Nicht irgendwann im Verlauf einer Serie. In den Finals. In Madison Square Garden. Die Knicks sind jetzt nur noch einen Sieg entfernt von ihrem ersten Titel seit 53 Jahren.
Die Spurs hatten alles richtig gemacht. Nach dem ersten Viertel führte San Antonio mit 19 Punkten, zur Halbzeit bereits mit 27. Die 19-Punkte-Führung war die größte, die ein Auswärtsteam je in der Finals-Geschichte aufgebaut hatte. Victor Wembanyama war plus-28 in 21 Minuten. Die Spurs schossen mehr Dreier als die Knicks Wurfversuche hatten. Für die Spurs war alles auf Kurs. Für die Knicks schien das Spiel längst gelaufen.
Aber die New Yorker hatten das in dieser Serie bereits zweimal bewiesen: Sie geben nicht auf. Im ersten Spiel der Conference Finals gegen Cleveland hatten sie einen 22-Punkte-Rückstand in der vierten Viertelzeit aufgeholt. Gegen Boston in den Playoffs davor waren es mehrfach 20-Punkte-Defizite. Trainer Mike Brown sprach in der Halbzeitpause einen Plan an: "Wir schneiden es auf 15 bis 17 für das vierte Viertel, und wenn wir das schaffen, haben wir eine Chance." Die Knicks schafften es.
Als die Spurs ihren Vorsprung auf 29 Punkte ausbauten, startete New York einen 13-0-Lauf. Vier unterschiedliche Spieler trafen in dieser Phase. Dann antwortete Jalen Brunson auf jeden Spurs-Korb mit einem eigenen. Die Knicks gingen mit 15 Punkten Rückstand in das vierte Viertel. Nach 9:33 Minuten im letzten Viertel machte Wembanyama einen Putback, der die Spurs-Führung auf 20 Punkte erhöhte. Die ESPN Analytics gaben den Knicks zu diesem Zeitpunkt eine Siegwahrscheinlichkeit von 0,4 Prozent. Das waren Chancen von eins zu 250.
Ab hier wurde es surreal. Die Knicks outscoreten San Antonio 32-11. Karl-Anthony Towns, von Fouls geplagt und deshalb mit wenigen Einsatzminuten im Angriff, machte jeden Versuch, den er bekam. In weniger als einer Minute warf er fünf Punkte und brachte die Knicks in Reichweite. Jose Alvarado, der Reserve-Guard, spielte zum ersten Mal in der Postseason mit Brunson zusammen und war nach einer Unterbrechung genau zur richtigen Zeit bereit. Er warf fünf Punkte hintereinander, als die Spurs gerade wieder auf zehn Punkte davongezogen waren. Brunson selbst vergaß seine Müdigkeit und orderte 36 Punkte bei 12 von 25 Würfen.
Die Knicks spielen Spiel 5 am Samstag in San Antonio. Sie können dort ihren ersten Titel seit 1973 gewinnen. Die Spurs müssen verarbeiten, was passiert ist: Ihre größte Finals-Führung verwandelte sich in eine Niederlage, die im Basketball ganz tief sitzt. Das Scheitern aus einer Position der absoluten Kontrolle heraus wiegt schwerer als jede andere Niederlage.
Für ballports und deutsche NBA-Fans ist das die Geschichte des Jahres: Die Knicks haben gezeigt, dass in den Finals nichts vorbei ist, bis die letzte Sekunde abgelaufen ist. Das ist die Liga, die Deutschland in der Nacht vom Freitag auf Samstag sehen wird. Und es ist völlig offen, wie diese Serie endet. Die Spurs haben ihre Chance vertan, aber sie haben auch bewiesen, dass sie von weit vorne führen können. Die Knicks haben bewiesen, dass sie von überall zurückkommen können. Das ist Finals-Basketball auf höchstem Niveau.