In den Gängen von Madison Square Garden herrschte nach Montagabend Trubel. Victor Wembanyama lief barfuß zum Presseraum. Sein Agent Bouna Ndiaye erklärte später, das sei Routine für den 22-jährigen Superstar. Wembanyama brauche den direkten Kontakt zum Boden, um sich zu erden. Ein Spurs-Mitarbeiter hielt zur Sicherheit Wembanyamas Slides bereit, doch der Center verzichtete darauf. Auch auf dem Boden von Madison Square Garden nicht.
Diese kleine Szene offenbarte etwas Grundlegendes über die San Antonio Spurs und ihren Umgang mit Druck. Das Team verlässt sich auf etablierte Routinen und Strukturen, egal wie laut die Arena wird oder wie hoch der Gegnerdruck ist. In den bisherigen zwei Playoff-Serien waren die Spurs jeweils in Rückstand geraten. Jedes Mal kämpften sie sich zurück, nicht durch große taktische Umbrüche, sondern indem sie ihre Stärken doppelt nutzen.
Coach Mitch Johnson und sein Stab nehmen ihre Hauptaufgabe ernst: Wembanyama in jedes Spiel optimal einzubinden, je nachdem wie die Opposition versucht, ihn zu stoppen. In Game 3 schalteten die Spurs Wembanyama sogar zeitweise von der Defensive auf Center Karl-Anthony Towns ab, um seine Energie zu schonen. Stattdessen drängten sie ihn vermehrt in die Zone, um den Knicks Druck zu machen.
Die größeren Anpassungen kamen allerdings von Wembanyama selbst. Das wurde öffentlich, als er am Sonntagabend in New York spazieren ging und sich in Gramercy Park fotografieren ließ. Der 7-Fuß-4-Center saß auf einer Bank, den Kopf gesenkt, versunken in das Zeichnen einer Skulptur. In einer Stadt, die sich in Knicks-Fieber befand, war das Bild überraschend. Noch überraschender war die Tatsache, dass Wembanyama Zugang zu einem der exklusivsten Privatparks der Stadt hatte. Gramercy Park wird nur von den etwa 39 angrenzenden Gebäuden bewohnt. Weltweit sind nur wenige hundert Schlüssel im Umlauf. Wembanyama musste jemanden kennen, der dort wohnt.
Es ist bezeichnend, dass Wembanyama sich mitten im Finals einer solchen inneren Ruhe hingeben konnte. Während die Knicks-Fans fieberten und seit 1973 auf einen Championship warteten, zeichnete der gegnerische Superstar Kunstwerke. Die Spurs haben keinerlei Änderungen in ihrer Startaufstellung vorgenommen diesen Playoffs, abgesehen von Verletzungsausfällen. Sie vertrauen dem, was funktioniert hat. "Was wir mit diesem Team aufgebaut haben, ist eine Identität, die jeden gefährlich macht", sagte Wembanyama. "Manchmal zahlt sich das über eine ganze Saison aus, manchmal über eine Serie."
Das ist der Luxus, wenn der talentierteste Basketballspieler der Welt in deiner Mannschaft spielen kann. Johnson betont, dass die Klarheit aus dem Videofilm kommt, aus den Diskussionen mit seinen Assistenten. Dass diese Spurs-Mannschaft die ganze Saison hindurch nie mehr als zwei Spiele hintereinander verloren hat, liegt auch daran. Game 4 findet Mittwochabend an der Madison Square Garden statt.
Für deutsche NBA-Fans, die Wembanyama seit seinen ersten Monaten in San Antonio verfolgen, zeigt sich hier ein reifer werdendes Supertalent. Seine mentale Stabilität, seine Fähigkeit zur Selbstreflexion und die Fähigkeit seines Coaches Johnson, Anpassungen vorzunehmen ohne dabei die Grundstruktur aufzugeben, machen die Spurs zu einer verstörendem Gegner. Die barfuß-Routine ist nur die sichtbarste Form eines tieferen Vertrauens in Prozesse und Rhythmen. Das ist nicht bloß psychologische Spielerei, sondern das Fundament einer Mannschaft, die auch unter den größten Erwartungen nicht durcheinander kommt.