AJ Dybantsa kam mit einer Geschichte in Washington an. Als Fünfjähriger bekam er von seinem Vater einen Spider-Man-Basketballkorb geschenkt, den er an seine Zimmertür hängte. Seither wirft er Bälle, erst mit einem Miniball vom Bett aus, dann in YMCA-Ligen, später als einer der besten College-Spieler des Landes. Jetzt ist er in der NBA angekommen. Die Washington Wizards holten den 2,06 Meter großen Forward aus BYU mit dem ersten Pick des Drafts und stellten ihn zwei Tage später in einem Hotel am Potomac vor, etwa 2,4 Kilometer südlich der Wizards-Arena.
Dybantsa war an der BYU im Schnitt 25,5 Punkte pro Spiel gut. Er ist der erste Freshman seit Trae Young, der die NCAA in Scoring anführte. Young spielte damals für Oklahoma und steht jetzt selbst bei den Wizards, trägt die Nummer 3. Das hätte ein Problem werden können, aber Dybantsa hat es elegant gelöst: Er wechselt zu Nummer 4. "Ich trug Nummer 3 im College, aber ich war der Nummer-1-Pick. Also habe ich die beiden addiert und bekam vier", erklärte er bei seiner Vorstellung.
Das war typisch für Dybantsa. Bei der Pressekonferenz wirkte er fokussiert und reif für sein Alter. Schon beim Combine vor dem Draft war ihm aufgefallen, dass er jeden Interview-Termin im Anzug absolvierte. "Mein Vater sagte mir: Das ist dein erstes Vorstellungsgespräch", erzählte Dybantsa. "Also haben wir beschlossen, uns anständig anzuziehen. Ich bin in Anzug und Krawatte zu jedem einzelnen Interview gegangen, zur Medienkonferenz, überall." Das hat Wizards-GM Will Dawkins beeindruckt. "Das zeigte mir schon seine Reife", sagte Dawkins. "Er stellte keine Standard-Fragen, sondern wirklich durchdachte, tiefe Fragen."
Die Wizards haben lange auf einen Spieler wie Dybantsa gewartet. Es ist das erste Mal seit 2010, dass sie den ersten Pick haben. Damals nahmen sie John Wall. Seitdem hat das Team kein 50-Siege-Jahr mehr erlebt, die letzten drei Saisons zusammen gebracht sie gerade auf 50 Siege. Dybantsa weiß, was auf ihn wartet. "Nichts kommt leicht, aber ich will ein Teil des Puzzles sein, das der Rebuild ist", sagte er. "Die Wizards-Fans warten schon lange."
Aber Dybantsa schaut nicht nur aufs Basketball-Parkett. Mit 19 Jahren hat er bereits eine Foundation gegründet. Seine Mutter kommt aus Jamaika, sein Vater aus dem Kongo. "Wir werden mit 20 Kindern von dort anfangen und sie an verschiedene Universitäten schicken, ob in Afrika, auf Jamaika oder in den USA", erklärte er. "Nach diesen zwei Startgruppen wollen wir weltweit expandieren." Er plant auch, sein College-Studium online abzuschließen.
Für deutsche Basketball-Fans ist Dybantsa zunächst weniger relevant als etwa Spieler der EuroLeague. Aber seine Draft-Story zeigt den Unterschied zwischen College- und NBA-Level: Dybantsa war in der NCAA dominant, jetzt muss er sich gegen die beste Liga der Welt beweisen. Die Wizards setzen auf ihn als Ankerpunkt für Jahre, in denen die Konkurrenz in der Eastern Conference stark ist. Wer sich für NBA-Prospects interessiert, sollte beobachten, ob dieser ungewöhnlich professionelle und fokussierte Rookie die Erwartungen erfüllt oder ob der Hype zu groß war.