Die NFL erlebt einen beispiellosen Umbruch auf der Koordinatoren-Position. Von den 64 Offensive- und Defensive-Coordinator-Posten in der Liga haben sich mehr als die Hälfte verändert. Insgesamt 35 neue Koordinatoren sind in diese Saison gestartet: 21 im Offense-Bereich, 14 in der Defense. Diese Quote hatte es noch nie gegeben. Der Druck wächst schneller als je zuvor. Entweder man liefert schnell Ergebnisse ab, oder man macht Platz für den nächsten Kandidaten.
Jim Leonhard bei den Buffalo Bills ist einer der zehn Koordinatoren, dessen Arbeit in dieser Saison unter besonderer Beobachtung steht. Leonhard folgt auf Sean McDermott, der die Bills-Defense seit seiner Ankunft 2017 geprägt hatte wie kein anderer. McDermott hatte die Defense nach seinen Vorstellungen aufgebaut: Nickel-Packages, viel Spot-Drop-Zone und klassische Vier-Mann-Rushes. Doch McDermott ist weg. Sein ehemaliger Offensive Coordinator Joe Brady ist nun Head Coach, und Leonhard übernimmt die Defense.
Leonhard gilt seit Jahren als aufsteigender Star in der Coaching-Zunft. An seiner Alma Mater Wisconsin war er lange Zeit Defensive Coordinator und setzte dabei auf moderne Concepts wie Match Coverages und simulierte Blitzs. Die vergangenen zwei Saisons arbeitete er unter Vance Joseph bei den Broncos, einem der besten Blitz-Koordinatoren der Liga. Das Problem: Leonhard denkt komplett anders als McDermott, in Details und in den Grundlagen gleichermaßen.
Wo McDermott auf die 4-3-Formation setzte, wird Leonhard die 3-4-Formation als Basis nutzen. Das klingt technisch, hat aber massive Auswirkungen auf jeden einzelnen Spieler. Linebacker, die unter McDermott nur als Pass-Rusher tätig waren, müssen plötzlich lernen, in Coverage zu gehen. Spieler, die in der Run-Defense nur einen Gap verteidigen sollten, müssen sich auf einmal mit anderthalb oder gar zwei Gaps auseinandersetzen. Neue Schemen verlangen neue Techniken. Mit neuen Techniken kommen neue Körpertypen, die ideal sind.
McDermott liebte schnelle, kleine Linebacker wie Terrel Bernard und disziplinierte Zone-Corner wie Christian Benford. Leonhard könnte ganz andere Spielertypen bevorzugen. Es ist möglich, dass ein Spieler wie Benford unter dem neuen System trotzdem gut funktioniert. Es ist aber auch möglich, dass er sich neu erfinden muss.
Für deutsche Football-Fans, die die Bills verfolgen, wird es interessant zu beobachten, wie schnell diese Umstellung funktioniert. Eine komplette Defensive-Identität zu wechseln ist riskant, gerade wenn Playoff-Ambitionen bestehen. Leonhard bringt Erfahrung mit modernen Defensive-Concepts mit, aber die Bills verlieren damit auch Jahre an eingespieltem System. Wie schnell die Spieler die neuen Anforderungen umsetzen, entscheidet darüber, ob Buffalo im Playoff-Hunt bleibt oder ob die Defense zur Achillesferse wird.