Die NCAA lässt sich die Sache nicht einfach aus der Hand nehmen. Nachdem ein texanischer Richter dem Quarterback Brendan Sorsby von Texas Tech erlaubt hat, nach zwei Spielen Sperre wieder zu spielen, geht die Sportorganisation in Berufung und fordert eine schnelle Entscheidung noch vor Saisonstart. Das Kernproblem: Sorsby hat zugegeben, auf College Football gewettet zu haben. Über drei Jahre hinweg hat der QB mehr als 9000 Wetten platziert, insgesamt mindestens 90000 Dollar, während er an Indiana, Cincinnati und Texas Tech eingeschrieben war. Mindestens 40 dieser Wetten betrafen sein eigenes Team.
Richter Ken Curry hatte sich von Sorbys Anwalt Jeffrey Kessler überzeugen lassen und gewährte eine einstweilige Verfügung. Begründung: Der Quarterback wurde mit Glücksspiel- und Angststörungen diagnostiziert und durchläuft eine Behandlung. Damit könnte Sorsby nach der Sperre für Texas Tech aufs Feld. Die NCAA argumentiert nun, dass Curry seine Befugnisse überschritten hat. Ein Richter, so die Organisation in ihren Gerichtsdokumenten, könne nicht einfach über Spielereligibilität entscheiden, die von den NCAA-Bylaws geregelt wird, auf die sich alle Mitgliedsuniversitäten geeinigt haben.
Die NCAA warnt vor den Folgen. Das Urteil "zerstört den Status quo" und "destabilisiert landesweite Richtlinien, die die Wettbewerbsintegrität schützen", schreiben die NCAA-Anwälte. Die Organisation befürchtet Nachahmungseffekte: Andere Athleten könnten sich ermutigt fühlen, NCAA-Strafen vor Gericht anzufechten. Noch schlimmer aus Sicht der Organisation: Das Urteil könnte anderen Hochschulen im Land als Präzedenzfall dienen.
Beson ders kritisch ist für die NCAA das Timing. Sollte die Entscheidung erst nach der Saison fallen, wäre Sorbys "vorübergehende" Erlaubnis längst zur Dauerlösung geworden. Das hat die NCAA auch nicht übersehen: "Die Saison wird vorbei sein, die 'temporäre' Erleichterung wird permanant geworden sein, und dieser Rechtsstreit wird Sorsby alles gegeben haben, das er wollte." Deshalb fordert die NCAA vom Berufungsgericht eine Entscheidung bis zum 28. August, einen Tag vor Saisonstart.
Die einstweilige Verfügung hat längst zu Turbulenzen geführt. Der Big 12 reichte eine Klage ein, mindestens vier Generalstaatsanwälte meldeten sich zu Wort, und es gab Aufrufe zum Boykott von Texas-Tech-Spielen. Die NCAA betont: Es gibt keine Hinweise darauf, dass Sorsby seine Leistung manipuliert, Insiderinformationen für seine Wetten genutzt oder privilegierte Daten an Wetter weitergegeben hat. Das macht die Sache für puritanische Regelinhaber trotzdem nicht einfacher.
Für deutsche Football-Fans, die North-American-College-Football verfolgen, zeigt sich hier ein grundsätzliches Problem: Wie geht eine Sportorganisation mit Regelverstößen um, wenn persönliche Faktoren wie psychische Erkrankungen im Spiel sind? Sorsby war offensichtlich süchtig, das ist dokumentiert. Die Frage ist nicht ob Strafen sein sollten, sondern wie hart sie ausfallen dürfen und wer das entscheidet. Das NCAA-System gerät hier unter Druck, weil es lange ohne externe rechtliche Kontrolle operiert hat.